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Schlafstörungen im Kindesalter

 

Schlafstörungen im Kindesalter sind sehr häufig. Sie beein­trächtigen nicht nur die Kinder, sondern führen in der Regel auch zu einer Störung des Schlafes der Erwachsenen. Die Folgeerscheinungen wie Unausgeschlafenheit, Gereizt­heit usw. der Kinder wie auch der Eltern haben somit oft erheb­liche Auswirkungen auf die Gesamtfamilie. Die erhöhte Span­nung und Erschöpfung aller verstärkt wiederum die Schlaf­störung des Kindes. Es ist deshalb für eine sinnvolle Behand­lung entscheidend, dass sowohl die verschiedenen Ur­sachen als auch die Auswirkungen von Schlafstörungen auf die Familie erfasst werden.

In den ersten 15 Lebensjahren ändern sich Schlafmuster und Schlaf-Wach-Rhythmus sehr stark. Der Schlaf des Säug­lings ist zunächst noch sehr störungsanfällig, was jedoch aufgrund neuronaler Reifungsprozesse während der Entwicklung abnimmt. Die Umweltabhängigkeit, die be­reits von der Geburt an stark ausgeprägt ist, tritt dadurch zunehmend in den Vordergrund.

Schlafstörungen können als isoliertes Phänomen oder in Zusammenhang mit ande­ren physiologischen, emotionalen oder Verhaltensstörungen auftreten.
Die Häufigkeitsangaben variieren erheblich. So wird geschätzt, dass 8 -10% der Konsultationen beim Kinderarzt mit Schlafstörungen assoziiert sind. Die Angaben über die Prävalenz dieses Problems im Kindes- und Jugendalter ist unsicher. Nach einer aktuellen Studie haben rund 16% der Kinder im Einschulalter Schlafstörungen – andere Studien gehen von einer Prävalenz von bis zu 50% aus.

In den letzten Jahrzehnten hat sich sehr viel im Bereich der Sozialisation von Kindern geändert. Verschiedene Einflüsse der Medien wie Fernsehkonsum und Computerspiele, die Veränderung der Familienstruktur mit immer gerin­gerer Kinderzahl und hohen Scheidungsraten und damit die Zunahme der Alleinerziehenden, berufliche Doppel­belastungen, hohe Arbeitslosigkeit mit ihren sozialen und finanziellen Auswirkungen haben dazu beigetragen.
All diese Veränderungen haben direkte Folgen für die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen. Oft ist es schwierig, den Abend kindgerecht zu strukturieren, Zubettgehrituale einzuhalten und Grenzen zu setzen.

Klassifikation

Schlafstörungen werden unterteilt in Parasomnien, bei denen abnorme Ereignisse während des Schlafes auftreten (Schlafstörungen mit Angstträumen, Pavor nocturnus, Schlaf­wandeln) und Dyssomnien, bei denen Beeinträchti­gungen bzgl. der Qualität und Dauer des Schlafes bestehen (Insomnien, Hypersomnien, Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus).

Die weltweit häufig gebrauchten Klassifikationssysteme sind die ICD-10 und die ICSD. Die vornehmlich auf klinischen Kriterien beruhende ICD-10 (10. Revision der Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten nach der WHO) unterscheidet zwischen nichtorganischen und organischen Schlafstörungen. Die internationale Klassifikation von Schlaf­störungen (ICSD), welche neben klinischen Kriterien auch Schlaflaborbefunde berücksichtigt, unterscheidet nicht we­ni­ger als 88(!) verschiedene Schlafstörungen.

Ursachen

Organisch bedingte Schlafstörungen
Obstruktives Schlafapnoe Syndrom (ICSD 780.53-0): Bei Kindern oft bedingt durch Adenoide mit behinderter Nasenatmung. Transitorisch bei Infekten der oberen Luftwege. Besteht dieses Problem über längere Zeit, dann führt es zu Entwicklungsverzögerungen, Lernproblemen, chronischer Müdigkeit und Verhaltensstörungen.

Asthma (ICSD 493): Zwei Drittel der erwachsenen Asthma-Patienten klagen über nächtliches Erwachen. Da sich der Hustenreiz physiologisch im Liegen verstärkt, ist auch im Kindesalter mit der Möglichkeit von Schlafstörungen aufgrund eines unzureichend behandelten Asthma bronchiale zu rechnen.
Schlafstörungen mit sozialen Ursachen

Umgebungsbedingt (ICSD 780.52-6): Fehlen eines eigenen Zimmers, gemeinsames Schlafen mit unruhigen Geschwistern, hellhörige Wohnung oder lauter Straßenlärm können zu Schlafstörungen führen. Schlafen Kinder alleine, so senkt das die Aufwachfrequenz.

Erziehungsbedingte Schlafstörungen
Mangelnde Grenzsetzung (ICSD 307.42-4): Diese Störung ist gekennzeichnet durch mangelnde Durchsetzungsfähigkeit der Bezugspersonen. Durch die unklare Haltung kommt es regelmäßig zu abendlichen Machtkämpfen. Die Ur­sachen können wiederum bei Problemen der Eltern wie Depres­sion mit Schuldgefühlen, Partnerkonflikten, Erschöp­fungszu­ständen oder körperlichen Erkrankungen liegen, so dass es ihnen schwer fällt, die Kinder in struk­turierter Weise ins Bett zu bringen. Es ist jedoch mög­lich, dass Eltern einen indirekten Gewinn aus dieser Verzögerungstaktik ziehen, wenn sie sich dadurch z.B. eigenen Konflikten nicht stellen müssen.

Fehlende Rituale (ICSD 307.42-5): Fehlende Rituale erschwe­ren es dem Kind, sich auf das Einschlafen vorzubereiten. Besonders häufig tritt dies bei überbehütenden Müttern auf, die sich selbst nicht vom Kind trennen können.

Nächtliches Essen und Trinken (ICSD 780.52-8): Die physiologischen Schlafunterbrechungen des Säuglings werden durch die Verabreichung von Nahrung aufrecht gehalten.

Anpassungsbedingte Schlafstörungen
Psychoreaktiv (ICSD 307.41-0): Die Gesamtprävalenz die­ser Störung beträgt in der Gesamtbevölkerung ca. 33% und ist bei Kindern noch häufiger. Kinder reagieren häufig mit Insomnie. Auslöser können viele belastende Situationen und Konflikte in der Familie sein. Die meisten Schlafstörungen im Kindesalter sind mit psychischen Ursachen verknüpft.

Pavor nocturnus (ICSD 307.46-1): Die Störung besteht in wiederkehrenden Episoden plötzlichen Erwachens, die oft mit einem Panikschrei beginnen. Es besteht starke Angst, und die Kinder können kaum beruhigt werden.

Alpträume (ICSD 307.47-0): Wiederholtes Erwachen und detailliertes Erinnern stark ängstigender Trauminhalte mit Bedrohung des Lebens. Die Kinder sind aber nach dem Erwachen rasch wieder orientiert. Diese Träume stellen eine starke Belastung dar. Es muss mit einer Häufigkeit von ca. 30% bei Drei-  bis Zehnjährigen gerechnet werden.

Bei affektiven Störungen (Dysthymie, Depressionen) (ICSD 300.40): Diese Störungen sind bei Kindern sehr häufig (ca. 70%) mit Schlafstörungen verbunden.

Angststörungen und Trennungsangst: (ICSD 300/ 309.21): Erwachsene Angstpatienten haben in ihrer Kindheit sehr stark unter Trennungsängsten gelitten. Die Ängste gehen der Schlafstörung voraus.

Regulationsstörungen
Säuglingen und Kleinkindern ist es nur in der Interaktion möglich, ihr Verhalten zu regulieren. Gelingt dies nicht, kann es zu erheblichen Belastungen wie Schlafstörungen, Schreiattacken u.a. führen.

Diagnostik

Zur Einordnung der Schlafstörungen ist neben einer gründlichen körperlichen Untersuchung zum Ausschluss organischer Ursachen eine ausführliche biografische Anam­nese nach dem bio-psycho-sozialen Modell der Medizin erforderlich. Zur weiteren Eingrenzung und Quantifizierung ist u.U. ein Schlafprotokoll hilfreich.

Die Beobachtung des Kindes in verschiedenen Alltagssituationen in Kinderhaus, Klinikschule, im Stationsalltag und bei verschiedenen therapeutischen Angeboten wie Bewe­gungs­therapie, Entspannungsverfahren, heilpädago­gischer Spieltherapie und Physiotherapie
-in Gruppen oder Einzelsituationen- mit oder ohne Eltern
ergänzen das gewonnene Bild und erlauben in aller Regel die diagnostische Einordnung.

Therapie

Bei der Therapie von organisch bedingten Schlafstörungen steht die Behandlung der Grunderkrankung im Vorder­grund.

Haben Schlafstörungen soziale Ursachen, liegt der Schwer­punkt häufig auf der Sozialberatung der Familie.

Bei den übrigen Schlafstörungen werden die folgenden Bau­steine in die Therapie eingebracht:

Familiengespräch
Das Familiengespräch ist der Rahmen, um auf wesentliche Aspekte der anpassungsbedingten und erziehungsbe­ding­ten Schlafstörungen therapeutisch einzuwirken. Es ist außerdem hilfreich bei der Planung weiterer thera­peu­tischer Maßnahmen.

Bei psychoreaktiven Schlafstörungen, z.B. bei konflikt­haf­ter Paarbeziehung, wird das Familiengespräch/Eltern­gespräch einen therapeutischen Schwerpunkt bilden.

Heilpädagogische Behandlung
Spieltherapie: Durch Beobachtung der Mutter-Vater-Kind-Interaktion und deren Videoaufzeichnung können Erziehungsstile und -muster erkannt und reflektiert werden. Es können konkrete Hilfestellungen gegeben werden, die sich erfahrungsgemäß auf Erziehungsbereiche wie Durchsetzungsfähigkeit, Abgrenzung, Konfliktbewältigung und Vermeidung widersprüchlicher Botschaften (Ambivalenz) an das Kind beziehen.

Andererseits können innerpsychische Konflikte des Kindes wie Ängste, Depressionen oder mangelndes Selbst­wertgefühl therapeutisch angegangen werden.

Wichtig ist das Bindungsverhalten des Kindes in der Interaktion zu beobachten und so zu intervenieren, dass die Bindung sicherer wird.
Spezielle therapeutische Maßnahmen

Entspannungsverfahren:
In speziellen Gruppen lernen Kin­der, sich tief zu entspannen und mit entsprechenden Selbst­instruktionen Schlaf zu finden.

Bewegungstherapie
für Eltern und Kind: Bei sehr belasteten Eltern-Kind-Beziehungen dient dieses Angebot zur För­derung einer positiven Eltern-Kind-Interaktion.

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen:
Sie dienen der Förderung erwünschten und der Reduzierung unerwünschten Verhaltens. Der Vorteil besteht in einem stufenweisen Vorgehen mit genauen Verhaltensvorschriften, das rasch zu positiven Veränderungen führt und schon damit eine Verbesserung der Eltern-Kind-Beziehung nach sich zieht. Zentral für das Vorgehen ist die Einführung beruhigender Rituale. Bereits vor dem Schlafengehen sollte eine regelmäßige Reihenfolge bestimmter Verrichtungen ein­gehalten werden, um die Kinder auf das Zu-Bett-Gehen vorzubereiten. Dann ist es günstig, Rituale einzuführen, die die Kinder selbst herbeiführen können, um ihnen möglichst viel Selbstbestimmung zu ermöglichen.

Elternrunden:
Neben der Erziehungsberatung bieten wir eine „Elternrunde“ an, in der sich Eltern unter fachlicher Anleitung über Erziehungsschwierigkeiten austauschen. Für Kinder mit der Diagnose ADHS gibt es eine weitere, spezielle Elternrunde.

Erfolgsbeurteilung

Es ist grundsätzlich wichtig, den Therapieverlauf zu beurteilen. Dazu eignet sich das im Vorfeld bereits ein­gesetzte Schlafprotokoll sehr gut. Der wichtigen Frage, ob die während des stationären Aufenthaltes in aller Regel er­reich­ten positiven Veränderungen auch im häuslichen Bereich Bestand haben, soll mittels einer katamnestischen Nach­befragung nach sechs Wochen nachgegangen werden.